Anhaltende Atemnot nach Covid zermürbt viele Betroffene. Hier erkläre ich dir, was hinter den Atemstörungen steckt – und welche Ansätze wirklich helfen.
Millionen von Menschen weltweit leiden an Long Covid – und einer der häufigsten und belastendsten Beschwerden ist anhaltende Kurzatmigkeit. Das Treppensteigen, das früher selbstverständlich war, ist plötzlich ein Kraftakt. Ein simpler Spaziergang hinterlässt eine Erschöpfung, die Stunden anhält. Viele Betroffene kämpfen nicht nur mit den körperlichen Symptomen, sondern auch damit, dass sie von Ärzten nicht ernst genommen werden.
Was passiert bei Long Covid in der Lunge?
Die COVID-19-Infektion kann auf verschiedene Weisen die Atemfunktion dauerhaft beeinflussen. Was wir häufig sehen, ist keine strukturelle Schädigung der Lunge (das Röntgenbild ist oft unauffällig), sondern eine funktionelle Atemstörung: Der Körper hat ein gestörtes Atemmuster „gelernt”.
- Funktionelle Atemstörung: Während der akuten Erkrankung entwickeln viele Betroffene eine thorakale Hochatmung – flach, schnell, mit Fixierung auf die Brustatmung. Dieses erlernte Muster bleibt bestehen, auch wenn die akute Bedrohung vorbei ist.
- Hypokapnie und CO₂-Toleranzstörung: Durch chronische Hyperventilation sinkt der CO₂-Partialdruck im Blut dauerhaft. Der Chemorezeptor-Schwellenwert verschiebt sich – der Körper empfindet bereits bei minimalen Belastungen Luftnot und Lufthunger. Ein klassischer Teufelskreis.
- Zwerchfelldysfunktion: Das Zwerchfell ist nach einer schweren COVID-Erkrankung häufig in seiner Funktion beeinträchtigt – durch direkte Entzündung, aber auch durch das erlernte Schonmuster der Hochatmung.
- Post-Exertional Malaise (PEM): Bei vielen Long-Covid-Betroffenen führt körperliche oder geistige Überbelastung zu einer Symptomverschlechterung, die Stunden bis Tage anhalten kann. Die Therapie muss dies zwingend berücksichtigen.
Was NICHT hilft (und warum)
Viele gut gemeinte Ratschläge können bei Long-Covid-Atemstörungen kontraproduktiv sein:
- ❌ „Tief durchatmen”: Tiefes, langsames Einatmen kann bei bestehender Hypokapnie die Hyperventilation verstärken und Symptome wie Kribbeln, Schwindel oder Engegefühl auslösen. Das Ausatmen ist entscheidender als das Einatmen.
- ❌ Kraftsport und „Push through”: Bei Post-Exertional Malaise (PEM) ist Überbelastung gefährlich. Das Überschreiten der individuellen Belastungsgrenze kann zu Rückschlägen führen, die Tage bis Wochen anhalten.
- ❌ Klassische Atemübungen aus dem Internet: Viele populäre Atemtechniken (Wim Hof, Box Breathing mit langen Einatemphasen) sind für Long-Covid-Betroffene nicht geeignet und können Symptome verschlechtern.
- ❌ Symptome ignorieren: Ohne gezielte Therapie verbessern sich dysfunktionale Atemmuster selten von allein – der Körper stabilisiert das fehlerhafte Muster mit der Zeit.
Was wirklich hilft: Evidenzbasierte Atemphysiotherapie
In meiner Praxis arbeite ich mit Long-Covid-Betroffenen nach einem strukturierten, individuellen Ansatz:
- Atemanalyse: Zunächst analysieren wir dein aktuelles Atemmuster – in Ruhe, unter leichter Belastung und beim Sprechen.
- CO₂-Toleranz aufbauen: Durch gezielte, sanfte Atemübungen wird die CO₂-Toleranz schrittweise erhöht – angepasst an dein individuelles Beschwerdebild.
- Zwerchfell-Rekonditionierung: Gezielte Atemübungen stärken das Zwerchfell und fördern die Bauchatmung.
- Pacing: Gemeinsam entwickeln wir ein Belastungsmanagement, das Rückschläge vermeidet.
Das Wichtigste: Geduld. Long-Covid-Atemstörungen brauchen Zeit. Mit dem richtigen Ansatz sind aber deutliche Verbesserungen möglich – auch wenn es Monate dauern kann.